Peace Anthem und Foundling Hospital Anthem

HWV 266 (267) und HWV 268 (III/14: Notenband mit Kritischem Bericht), herausgegeben von Stephan Blaut, Kassel 2025

Händels letzte Werke aus dem Bereich der englischen Gattung „Anthem“ entstanden innerhalb weniger Wochen für verschiedene Anlässe.

Das Peace Anthem erklang zum ersten Mal am 25. April 1749 in dem Dankgottesdienst, der in London in der Chapel Royal, St. James’s Palace, zur Feier des Friedens von Aachen gehalten wurde. Im Rahmen der Feierlichkeiten fand zwei Tage später der weltliche Festakt mit der Uraufführung der Music for the Royal Fireworks, HWV 351, statt.

Für die Vertonung der aus der King James Bible und dem Book of Common Prayer stammenden Texte aller vier Sätze des Peace Anthems benutzte Händel Musik aus eigenen, früher entstandenen Werken; so verwendete er z. B. den Chor „Blessing and honour, glory and pow’r“ aus Messiah, HWV 56, für den Anthem-Chor „Blessing and glory, pow’r and honour“.

Für HWV 266 ist kein zusammenhängendes Gesamtautograph überliefert, auch existieren keine Partiturabschriften (die Direktionspartitur wurde im 19. Jahrhundert durch ein Feuer vernichtet). Dennoch wird die Gestalt des Peace Anthems greifbar durch einen Druck des vollständigen Textes, der für die Rekonstruktion des Werks damit zur wichtigsten Quelle avanciert. Da nur für Nr. 1, für dessen Frühfassung Nr. F1, für die Trompeten- und Paukenstimmen von Nr. 2 sowie für ca. zwei Drittel von Nr. 3 Händels Teilautograph als Primärquelle verwendet werden konnte, mussten bei der Erarbeitung der Partituren von Nr. 2 und 4 sowie des letzten Drittels von Nr. 3 auch die Hauptquellen der Vorlagen einbezogen werden, so etwa die Autographe des Chapel Royal Anthems I will magnify thee, HWV 250b, des Occasional Oratorio, HWV 62, oder des Oratoriums Messiah, HWV 56.

Das Foundling Hospital Anthem führte Händel zum ersten Mal am 27. Mai 1749 am Schluss eines Benefizkonzertes auf, das er für die Fertigstellung der Kapelle des Waisenhauses veranstaltete. Das Hospital wurde mit königlicher Erlaubnis am 17. Oktober 1739 gegründet, nachdem sich zuvor der Kapitän und Geschäftsmann Thomas Coram (1668–1751) jahrelang für die Schaffung einer derartigen Institution in London eingesetzt hatte. In den 1740er Jahren waren zwei stattliche separate Gebäude entstanden, deren Schmalseiten ab 1748 durch den Bau einer Kapelle verbunden wurden. Die offizielle Eröffnung des Gotteshauses erfolgte schließlich am 16. April 1753; dabei erklang erneut das Foundling Hospital Anthem, allerdings in einer erweiterten Fassung.

Für das Anthem entnahm Händel geeignete Verse wiederum der King James Bible und dem Book of Common Prayer, und wie für HWV 266 entlehnte er auch für HWV 268 Musik aus eigenen Werken, z. B. diejenige des Chors „The righteous shall be had“ aus dem Funeral Anthem, HWV 264, die er dem Text des zweiten Chors von HWV 268, „The charitable shall be had“, anpasste.

Für die Rekonstruktion der zwei Fassungen des Foundling Hospital Anthems (1749 und 1753), die jeweils vollständig im HHA-Band III/14 wiedergegeben sind, war die erhaltene Direktionspartitur von größter Bedeutung. Sie diente für fast alle Musikstücke als Primärquelle und wurde von Händels Sekretär und Hauptkopist Christopher Smith (1683–1763) geschrieben. Sie enthält aber auch zahlreiche Eintragungen von Händel, z. B. Korrekturen von Noten und Wörtern, Angaben zur Dynamik, Notizen zu geplanten Sängern oder den größten Teil der Textunterlegung im Chor Nr. 3; sämtliche autographe Eintragungen sind im Kritischen Bericht des Bandes zitiert und beschrieben.

(Quelle: Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Jahresbericht Hallische Händel-Ausgabe 2025)